Helmut Eisel
Durch Klezmermusik zur Improvisation
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  Wege in einer schönen Landschaft

Perfektion - Der Ton macht die Musik
Jeder Mensch kann improvisieren – er tut es mehr oder weniger von Geburt an. Für Kinder ist Improvisation kein Problem, sondern ein Spaß. Aber nach und nach lernen wir im Rahmen unserer musikalischen Ausbildung, dass es Regeln gibt, die wir beachten müssen, dass wir Fehler machen können beim Musizieren. Diese Regeln sind kompliziert und erfordern unsere ganze Aufmerksamkeit. Unmöglich, dass eine Instrumentalistin auch noch komponiert und arrangiert. Das tun andere, die wiederum darauf spezialisiert sind. Von Hochschulabsolventinnen höre ich oft: "Wenn ich improvisiere, kann ich meinen eigenen Anforderungen an Perfektion nicht gerecht werden." Und tatsächlich sind es gerade die besonders gut ausgebildeten Musikerinnen, die obige "Arbeitsteilung" für richtig halten.
Wie sollen sie auch ihren hohen technischen Standard halten und zugleich die Anforderungen an eine perfekte Komponistin mit ihren Erfahrungen in Tonsatz, Harmonielehre, Rhythmik etc. erfüllen. Eine Improvisation ist noch dazu eine spontane Komposition, sie kann also nicht im klassischen Sinne geübt werden. Perfektion: Die heutige Musikaufführungspraxis führt sie uns immer wieder vor Augen. Gleich ob Klassik, Jazz oder Techno, zumindest der Wunsch nach Perfektion besteht. Halb- und Vollplaybacks und wahnsinnig raffiniert programmierte Computer werden bei Popkonzerten eingesetzt. Das ist nötig, um dem Anspruch, der durch Tonträger und Videos geweckt wurde, gerecht zu werden. Diese Perfektion macht Angst, sie schreckt Menschen vom Musizieren ab. Vom Improvisieren erst recht.
Aber ist Musik wirklich um so schöner, je perfekter sie ist? Im Laufe der Zeit habe ich immer wieder Denkanstöße zu diesem Thema erhalten:
• Da gab es diesen alten Mann, der mit seiner Gitarre vor dem Konzertsaal saß und ein einfaches Lied sang. Nicht perfekt, keineswegs. Und doch berührte mich sein Lied mehr als das Konzert, das ich gerade besucht hatte. Dabei war es eine sehr gute Sängerin und ein toller Gitarrist, aus deren Konzert ich kam.

• Türkische Musiker, die in einer Kneipe spielten, luden mich einmal ein, mit ihnen zu spielen. Wir spielten nur einen einzigen Ton, alle zusammen. Die Musiker freuten sich über diesen gemeinsamen Klang, aber mir erschien es zu einfach: ich änderte den Ton. Meine Mitmusiker waren zuerst bestürzt, dann suchten sie ein wenig, und schließlich spielten wir gemeinsam meinen neuen Ton und alle freuten sich wieder. War das denn schon Musik?

• In Georgien erlebte ich, wie sich 7 oder 8 Männer (keine Musiker!) zum Höhepunkt eines Festes in einen Kreis stellten, um die Schultern fassten und gemeinsam lange Töne zur Kreismitte sangen. Es entstand ein Klang, der mich sofort berührte und der mir eine Gänsehaut verursachte. Heute experimentiere ich selbst viel mit solchen Klangkreisen. Es ist immer wieder ein gigantisches Erlebnis.

• Der Begründer der Anthroposophie, Rudolf Steiner, sagte in einem seiner Dornacher Vorträge, dass "das musikalische Erleben der Gegenwart immer mehr dahin geht,... den einzelnen Ton gewissermaßen zu befragen, inwiefern er selbst schon eine Melodie ist". Schon 1920 äußerte er die Vermutung, dass sich ein neuartiges Tonerlebnis anbahne, in dem "die Möglichkeit, bei einem Ton in die Tiefe hineinzugehen" stärker als bisher in der Musik genutzt werde.

Musik ist mehr als Perfektion. Giora Feidman zeigt in seinen Workshops eindrucksvoll, dass eine Tonleiter ein musikalisches Erlebnis sein kann. Er zeigt das nicht etwa, indem er sie besonders virtuos spielt, sondern indem er sie besonders einfach und schön spielt. Wie ein Kinderlied, vorgetragen für ein Kind, das man liebt. Und dann ist es Musik, die berührt. Heute vergleiche ich Musik gerne mit einer Sprache, einer Sprache der Seele. Wie bei allen Sprachen gibt es Vokabeln und Regeln. Ob mich eine Musik berührt oder nicht, hängt nun zuallererst davon ab, ob der Mensch, der diese Sprache zu mir spricht, etwas zu sagen hat. Wenn er nur sprachgewandt ist, aber nichts zu sagen hat, dann berührt mich seine Rede nicht.

Kli-Zemer
Ein Klezmer (Mehrzahl: Klezmorim) ist ein jüdischer Wandermusikant. Durch den Klarinettisten Giora Feidman wurde die Musik der Klezmorim in Deutschland erstmals auf Konzertbühnen populär. Feidman erweiterte das Repertoire der Klezmermusik, er fügte vor allem Klassik- und Jazzelemente hinzu. Aus seiner Sicht ist es nicht das Repertoire, sondern die Spielweise, die den Klezmer ausmacht. Dafür liefert ihm das Wort Klezmer selbst eine plausible Begründung: Die aramäischen Ursilben Kli-Zemer, aus denen das Wort Klezmer (=Musikant) entstand, bedeuten: Gefäß des Liedes, Kanal oder Medium zur Musik. Eine grandiose Idee! Kli-Zemer bedeutet: Wir "machen" keine Musik, wir sind nur ein Gefäß dafür, ein Medium. Musik ist ein Teil der Schöpfung. Wenn wir musizieren, dann schöpfen wir aus dem Urquell Musik. Was wir erhalten, reichen wir an unser Publikum weiter. Die Musik teilt sich durch uns mit. Isaak Leb Perez, ein berühmter jüdischer Schriftsteller, beschreibt dieses Musikbild in seiner Geschichte "Kabbalisten" so: Es gibt eine Melodie mit Worten, eine gar niedrige Kategorie. Es gibt eine höhere Kategorie: eine Melodie, die sich selber singt, ganz ohne Worte, eine reine Melodie. Doch auch diese Melodie braucht noch eine Stimme, und Lippen, durch welche die Stimme hinausklingt... Die wahre Melodie wird ganz ohne Stimme gesungen, singt sich inwendig, im Herzen, im Innersten.
Und das ist das Geheimnis der Worte König Davids: "Alle meine Knochen sollen es sagen". Im Mark der Knochen muß es singen, dort muß die Melodie wohnen, das höchste Lob Gottes, gepriesen sei er! Das ist nicht die Melodie von Fleisch und Blut, keine ersonnene Melodie! Das ist schon ein Teil der Melodie, mit welcher Gott die Welt erschuf, die Seele, die er in sie goss.

Ganz innen muß es singen - wenn wir das schaffen, haben wir unsere innere Stimme entdeckt. Auf diese Stimme müssen wir hören, ihr immer wieder nachspüren. Dann brauchen wir sie nur zu singen oder auf unser Instrument zu übertragen. Auch hier liefert uns die Klezmermusik ein schönes Vorbild:
Ein "Shofar" ist ein einfaches Widderhorn, das auch heute noch bei hohen jüdischen Festen eingesetzt wird. Aufgabe des Shofarbläsers ist, die Worte und Botschaften des Rabbis - und damit Gottes - an die Gemeinde weiterzugeben. Man sagt, ein Klezmer "spricht" durch sein Instrument, es dient ihm zur Verlängerung seiner Stimme.
Auf zahlreichen Workshops und Konzerten hat Giora Feidman die Ideen der inneren Stimme und des Weitergebens von Musik verbreitet. Er leitet daraus eine große interpretatorische Freiheit ab und zeigt Wege, auch das Publikum zum Weitergeben von Musik zu bewegen. Jeder Mensch kann so zum Klezmer werden.
Ganz in diesem Sinne wollen wir nun "Kli-Zemer" für unsere Improvisationen nutzen.

Komposition und Interpretation
Was bleibt denn nun für Sie als Musikerin überhaupt noch zu tun, wenn Musik schon vorhanden ist, auch ohne dass Sie spielen? Das ist ganz einfach: Ihre Aufgabe ist es, Ihrer inneren Stimme zu lauschen, offen zu sein für die Musik, Teile daraus zu entdecken, zusammenzusetzen (Komposition!) und an Ihr Publikum weiterzugeben. Sonst nichts.
Manche mögen einwenden, dass sie nur ganz selten oder gar nicht vor Publikum spielen. Aber selbstverständlich haben Sie immer wenigstens eine Zuhörerin: sich selbst. Wenn Sie mit anderen zusammen musizieren, sind auch das Ihre Zuhörerinnen.
Stellen Sie sich einmal vor, Sie möchten einer Freundin die Schönheit einer Landschaft zugänglich machen. Sie hat Zeit sich umzusehen, und Sie zeichnen ihr einen Weg auf einer Landkarte ein. Damit haben Sie einen Weg komponiert. Wenn Sie viele Sehenswürdigkeiten dieser Landschaft kennen, dann haben Sie bei der Festlegung der Reiseroute große Auswahl. Ob aber diese Reise zu einem Erlebnis wird, hängt sehr davon ab, ob Sie die Neigungen, Fähigkeiten und Kenntnisse Ihrer Freundin berücksichtigt haben. Braucht sie viel Komfort oder liebt sie freies Campen? Begeistert sie sich wie Sie für Blumen? Darf es ruhig anstrengend werden?
Unterstützt wird Ihr Anliegen von einer guten Reiseleiterin. Diese wird auf schöne Dinge, an denen Ihre Freundin vielleicht vorbeigehen würde, hinweisen. Eine gute Reiseleiterin kann aus stupidem Marschieren einen eleganten Tanz machen.

Vergleichen Sie nun das Einzeichnen der Reiseroute mit dem Komponieren eines Musikstückes. Als Komponistin sind Ihnen schöne Melodien zugänglich, die Sie für Ihr Publikum auswählen und zusammenstellen. Dabei werden Sie unterschiedliche Melodien für Zuhörerinnen aus China, dem Nahen Osten oder Mitteleuropa wählen - vermutlich schon allein deshalb, weil Sie vor allem für Menschen komponieren, die in Ihrem Umfeld leben. Die "Führung" durch die Landschaft, die "Reiseleitung", übernimmt nun eine Interpretin. Nur eine gute Interpretin wird die Ideen, die Sie beim Einzeichnen des Weges hatten, für Ihre Freundin realisieren können; sie wird mittels Ihrer Komposition die Schönheit der Musik vermitteln können.

Was bedeutet "Improvisation"?
Wörtlich übersetzt bedeutet das lateinische Wort Improvisation "das Unvorhergesehene", im übertragenen Sinne “das Unerwartete“. Improvisation in der Musik, das bedeutet, eine Melodie spontan zu ent-decken und zu spielen. Als Improvisatorin sind Sie Komponistin und Interpretin zur gleichen Zeit. Sie gehen mit Ihrer Freundin durch diese schöne Landschaft. Sie denken sich einen Weg aus, und wenn Sie merken, dass er für Ihre Freundin weniger schön ist, als Sie sich das vorgestellt haben, dass er für sie zu mühsam oder langweilig ist, dann gehen Sie einfach einen anderen. Das Tolle daran ist, dass die Landschaft so unglaublich schön ist. Sie schöpfen aus "der Melodie, aus der Gott die Welt erschuf", und deshalb können Sie sich darauf verlassen, dass Sie immer eine schöne Melodie oder, um beim Beispiel zu bleiben, einen schönen Weg finden werden. Solange Sie offen für diese Schönheit sind. Das gibt Ihnen alle Freiheit der Welt.
"Kli Zemer" heißt für Improvisierende, dass sie überhaupt nichts falsch machen können, solange Sie offen bleiben. Aber sind Sie wirklich offen dafür? Vielleicht haben Sie bei Ihrer letzten Führung einen tollen Vogel auf einem Ginsterbusch gesehen - einen Vogel, der singen und sprechen konnte und völlig verrückte Farben hatte. Vielleicht hat Ihnen auch nur jemand davon erzählt. Nun suchen Sie verstärkt Ginsterbüsche auf, weil sie den Vogel so gerne wiedersehen und vorführen würden. Andere schöne Dinge können Sie gar nicht mehr richtig wahrnehmen. Was Sie nicht wahrnehmen, können Sie aber auch nicht vermitteln. Pech für Ihre Freundin, die nun Ihre Wege nicht nachvollziehen kann, weil sie das Erlebnis mit dem Vogel ja nie hatte. Es gibt leider in der "musikalischen Realität" viele Möglichkeiten, die Offenheit zu verlieren. Denken Sie nur an Wettbewerbssituationen oder Aufnahmeprüfungen. Sie wollen einem Vorbild gerecht werden oder dem Publikum imponieren ... Oder Sie wollen traditionelle Klezmermusik "authentisch" spielen. Sobald Sie spielen, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen, schränken Sie die freie Wahl des Weges ein. Sie verschenken damit die Freiheit, Schönheit vorbehaltlos zu entdecken.

Erste Improvisation
Sie möchten jetzt endlich improvisieren? Fein. Fangen Sie an! Es geht ganz leicht, Sie brauchen keinerlei Theoriekenntnisse, und Sie haben ausgezeichnete Lehrer: Ihre Ohren. Nehmen Sie Ihr Instrument oder Ihre Stimme und improvisieren Sie.
• Der Ginsterbusch muß aus Ihren Gedanken raus. Wenn Sie eine bestimmte Idee haben, was Sie spielen wollen, wie es klingen soll ... lassen Sie diese Idee einfach weiterziehen.
• Achten Sie nun auf Geräusche, in Ihrer Umgebung, in Ihrem Inneren.
• Nehmen Sie die Stille wahr, die all das umgibt.
• Summen Sie - innerlich! - einen Ton. Probieren Sie ruhig verschiedene aus, aber suchen Sie sich dann denjenigen, der Ihnen gerade am besten gefällt.
• Lassen Sie den Ton jetzt hörbar werden. Wenn Sie sich sehr sicher auf Ihrem Instrument fühlen, können Sie diesen Ton darauf spielen. Ansonsten singen Sie! Hören und genießen Sie den Klang. Vielleicht gehen Sie dabei langsam an verschiedene Stellen im Raum.
• Erst wenn sich ein neuer Ton regelrecht aufdrängt, wechseln Sie zu dem neuen Ton. Nicht vorher! Wiederholen Sie die beiden Töne mehrfach. Das ist schon eine kleine Melodie.
• Noch ein neuer Ton, der sich aufdrängt? Bauen Sie ihn ein, wenn Sie ihn wirklich gut finden. Aber bitte nicht, weil Sie meinen, zwei Töne wären zu wenig. Duke Ellington, einer der ganz großen Meister des Jazz, komponierte sein berühmtestes Werk, den C-Jam-Blues, aus nur zwei Tönen; A. C. Jobim's "One Note Samba" kommt sogar lange Zeit mit einem einzigen Ton aus.
• Machen Sie sich klar, dass die Melodie, die Sie soeben entdeckt haben, weitergeht, wenn Sie auf-hören zu spielen, und dass sie schon da war, bevor Sie angefangen haben. Sie war und ist ein Bestandteil der Stille.

Die Stille - sie ist vollkommene Musik. Jede Melodie ist in ihr enthalten. Ihre Musik wird Ihnen und an-deren mehr Freude machen, wenn Sie mit der Stille vor und nach Ihrer Melodie bewußt umgehenkönnen. Ihre Melodie war Bestandteil der Stille, bevor Sie anfingen, sie zu spielen, und lebt in der Stille weiter, nachdem Sie aufgehört haben, sie zu spielen.
Noch etwas: Sie sind eine Sängerin, auch wenn Sie auf Ihrem Instrument spielen. Das Instrument kann Ihre Stimme erweitern, dennoch sollte Ihr Anliegen sein zu singen. Singen Sie auf Ihrem Instrument, vergleichen Sie immer wieder, wie Sie spielen und wie Sie singen. Jazzmusiker sagen: "Was du nicht auch singen könntest, sollst du auch nicht spielen."