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  Naftule Brandwein  
 

wurde 1889 in der polnisch galizischen Stadt Przymyzl geboren. Mit 19 Jahren verließ er Polen und avancierte sehr schnell zum Star der jüdischen Musik (das Wort "Klezmermusik" gab es damals noch nicht) im New York der 20er Jahre. Die meisten überlieferten Aufnahmen stammen aus dieser Zeit, in der er häufig mit dem Abe Schwartz Orchester auftrat.

Viele Geschichten und Anekdoten ranken sich um Naftule Brandwein. Von guten Beziehungen zur Unterwelt ist da die Rede, von Auftritten im Rotlichtmilieu anlässlich der Hochzeiten von Gangstern und Edelprostituierten , aber auch davon, dass er schon mal auf der Bühne die Hose herunterließ, wenn ihm das Publikum nicht gefiel.

Was ging in diesem Mann vor, wenn er spielte? Mit viel Glück konnte ich eine C-Klarinette aus den 20er Jahren erstehen, die dem Instrument, das Naftule in dieser Zeit am liebsten gespielt hatte, zumindest sehr nahe kommt. Für seriöse Klarinettisten ist dieses Instrument nicht sonderlich geeignet (Intonation!), für Spaßvögel umso mehr. Lange und intensiv hörte ich mir alte Aufnahmen an und machte meine Transkriptionen. Das war gar nicht so einfach. Naftule spielte nämlich seine Melodien jedes Mal etwas anders, so dass es für mich oft schwierig war, zu entscheiden, ob es sich nun um eine Wiederholung oder um einen völlig neuen Teil handelte. Die Phrasierung änderte sich, Triolen wurden zu Achteln... Warum tat er das? Hing es damit zusammen, dass er keine Noten lesen konnte? Kaum - er hatte einfach Freude daran, Melodien auszuloten, zu verändern, in Frage zu stellen, und unüberhörbar liegt eine gehörige Portion Schalk in diesen Interpretationen. Auch die berühmten Doinas, jene freimetrischen Stücke, bei denen Naftule Busen und Hüften wohlproportionierter Damen intensiv angespielt haben soll, erhalten ihre besondere Note erst durch die flapsig burschikos gespielten Fortsetzungen. Fast ist es, als würde er beim Versprechen des Himmels auf Erden mal kurz innehalten und sich mit den Worten "Hol mir mal `ne Flasche Bier!" aus der Gefahrenzone bringen.

Naftule spielte hochvirtuos und zugleich so einfach und unbekümmert, dass auch Kinder seine Aufnahmen mögen. Feste Regeln gab es für ihn nicht, und sein Formverständnis dürfte die meisten Mitmusiker zur schieren Verzweiflung getrieben haben.

Es gibt leider nur wenige Musiker, die sich bislang mit der Musik Naftule Brandweins auseinandersetzen. Der gut dokumentierte Dave Tarras, der sein Nachfolger im Abe Schwartz Orchester war, stets korrekt spielte und sich selber als "Notenfresser" bezeichnete, wird viel häufiger neuinterpretiert. Deshalb versuche ich, hier einige Wege aufzuzeigen, wie man sich der Musik Brandweins nähern kann. Meine Hoffnung ist, dass viele Menschen Freude daran haben und dass viele Musiker diese Anregungen aufgreifen und weiterentwickeln. Und dass sich dieser Spaß an der Musik, den ich bei Naftule Aufnahmen herausgehört habe und den auch wir beim Einspielen dieser Titel hatten, sich anderen mitteilt.

Helmut Eisel